Redebeiträge auf der Demo

Im folgenden dokumentieren wir den Redebeitrag zur Begrüßung der Fahrrad-Demonstration und den Redebeitrag, der auf der Abschlußkundgebung der großen Demonstration auf dem Römer gehalten wurde.

Redebeitrag auf dem Kurfürstenplatz zur Begrüßung der Fahrrad-Demonstration:

Mit unserer Fahrraddemo heute besuchen wir ein paar jener Firmen die mit verantwortlich sind für weltweite radioaktive Verseuchung und Tod durch Strahlenbelastung und die dabei kräftige Gewinne einfahren. Sie sind natürlich nicht die Einzigen und sie sind laut kapitalistischer Gesetzgebung auch keine Verbrecher. Vielleicht sind die Einen etwas skrupelloser als die anderen, vielleicht sind manche perfider aber sie stehen alle für den kapitalistischen Normalzustand der Vernutzung und Verwertung. In diesem Sinne ist es wichtig für uns, dass der Ausstieg aus der Atomkraft weit mehr bedeutet als die Abschaltung der deutschen AKW. Einige Firmen wie RWE oder die Baufirma Bilfinger Berger, die ihren Sitz ebenfalls in Frankfurt haben, werden wir heute nicht besuchen, weil sie zu weit ab von der Route sind. Aber wir haben sie nicht vergessen.

Wenn wir von Atomindustrie sprechen, dann reden wir nicht nur über die Katastrophen die sich nicht mehr vertuschen ließen, von GAU und SuperGAU, wie in Harrisburg, Tschernobyl und Fukushima. Wir meinen dann auch die tausenden von Störfällen die den alltäglichen Wahnsinn bestimmen.

Wir meinen die Arbeitsbedingungen und Strahlenverseuchung von Arbeiterinnen und Arbeitern im Uranabbau in Kanada Australien Niger und Namibia ebenso wie die Verstrahlung und die miesen Arbeitsbedingungen der Leiharbeiterinnen und Leiharbeiter in Europa die die gefährlichsten und dreckigsten Arbeiten in den Anlagen verrichten.

Wir meinen die verseuchte Erde, die nach dem Uranabbau übrig bleibt ebenso wie die Verseuchung rund um die Asse und die Verstrahlung der Meere durch Verklappung rostender Atommüllfässer.

Wir meinen die Herstellung der Atombombe ebenso wie die in allen aktuellen und jüngeren Kriegen eingesetzte panzerbrechende DU Munition mit ihrem Kern aus abgereichertem Uran. Ein Restprodukt aus der Urananreicherung für Kernspaltung.

Wir denken an eine unendliche Kette von Schweinereien, Vertuschung und Lüge – die uns seit Jahrzehnten als saubere Energie verkauft werden soll.

Wir denken aber auch an den jahrzehntelangen und vielfältigen Widerstand weltweit gegen die Atomindustrie.

Wir denken an massive weltweite Proteste gegen Atomwaffen und ihre Tests,
Wir denken an die Verhinderung des AKW Wyhl und der WAA in Wackersdorf.
An den militanten Widerstand in Lemoiz im Baskenland. An die regelmäßige Behinderung der Atommülltransporte, an die jahrelangen und erfolgreichen Kämpfe gegen die Jabiluk Uran Miene in Australien und aktuell an den entschiedenen Widerstand in Jaitapur in Indien gegen den größten Meiler der Welt.

Dass Atomenergie nicht beherrschbar und tödlich ist, hat sich in den letzten 40 Jahren an den verschiedensten Orten der Welt und unabhängig von politischen Systemen gezeigt. Darum lehnen wir sie absolut und in jeder denkbaren Gesellschaftsform ab. Unter kapitalistischen Bedingungen steht die Erzielung möglichst hoher Profite durch die Auspressung von Mensch und Natur auf jeden Fall vor Absicherung und Verantwortung. Gestützt durch Regierungen deren Aufgabe es ist diese Profitmaximierung gesellschaftlich durchzusetzen und mit Gesetzen und Repression abzusichern, werden die Gewinne privatisiert und die Kosten der Atomenergie auf die Gesellschaft umgelegt.

Wenn Regierung, Parteien und Konzerne nun vom Atomausstieg reden und ihn eventuell für das Jahr Sankt Nimmerlein beschließen, ändert das absolut nichts an den Verwertungs-Verhältnissen. Einen ähnlichen Ausstiegsplan hatten wir im Übrigen schon. Dann wird hier vielleicht abgeschaltet und – die Globalisierung macht’s möglich – die Gewinne in anderen Ländern gemacht. Dann wird eben in Russland, in Indien oder in Finnland gebaut. Und hier lässt sich mit dem Ausstieg abkassieren. Den Konzernen wird es darum gehen sich ähnliche, gleiche oder gar noch bessere Bedingungen für Profite bei der Umsetzung der erneuerbaren Energien zu sichern. Ein neuer Markt der sich eröffnet ist im Kapitalismus immer willkommen. Alle großen Energiekonzerne stecken neben der Atomkraft längst schon im Geschäft mit den erneuerbaren Energien.

Der neue grüne Kapitalismus, stinkt vielleicht nicht mehr zum Himmel, aber er agiert unter den gleichen Vorgaben wie der alte: Auspressung, ohne Rücksicht und mit allen Mitteln. Die Absicherung der Profitmaximierung. Überall da wo es keine Lobby gibt, wo es Bodenschätze gibt – die auch für die neuen Energien gebraucht werden – wo die Menschen abhängig sind. Für Biosprit werden Anbauflächen okkupiert die dringend für Nahrungsmittelproduktion gebraucht werden, in den Wüsten werden Solaranlagen gebaut die militärisch abgesichert werden müssen.

Die ganze Welt eingeteilt in ihre Verwertbarkeit. Wo der Zugriff auf die Ressourcen gefährdet ist oder scheint, wird seit Jahren aktiv Krieg geführt. Was bisher mit dem Mäntelchen der Menschenrechte kaschiert wurde, wie in Afghanistan oder aktuell in Libyen, wird nun in den neuen Verteidigungspolitischen Richtlinien klar definiert: Eine Verknappung der Ressourcen und eine Gefährdung unseres Wohlstandes ist ein Verteidigungsfall. Und die unbequemen Flüchtlinge aus den Kriegen lassen die Büttel der Herrschenden derweil zu Tausenden im Mittelmeer verrecken.

Wir aber sitzen in einem der Zentren der Bestie, in Frankfurt mehr noch als in anderen deutschen Städten, und wenn wir nicht damit einverstanden sind, dass unsere Bequemlichkeit auf dem Rücken und der Gesundheit anderer Menschen gründet, dann ist es unsere Aufgabe das zu zeigen und die Situation zu verändern.

Die Dezentralisierung der Energieversorgung, die Enteignung und Vergesellschaftung der Energiekonzerne und ein sofortiger und kompletter Atomausstieg sind unsere Ziele. Von uns allen zusammen durchgesetzt, in Solidarität mit den Kämpfen in anderen Ländern, durch Streiks, durch Blockaden und vielfältige andere Aktionen. Dies wäre ein Signal, für uns, für andere und auch für die Herrschenden. NICHT IN UNSEREM NAMEN. Schluss damit! Wir haben genug von euch!

Es reicht nicht es zu fordern, sondern wir müssen uns dran machen an die Aufgabe die vor uns liegt: Die Stilllegung der herrschenden Klasse – für ein Leben ohne Ausbeutung und Krieg gegen Menschen und Natur.

Redebeitrag auf der Abschlußkundgebung auf dem Römer:

Vielleicht sind hier einige, die sich schon 1949 in der „Ohne-mich-Bewegung“ gegen die Remilitarisierung der BRD gestemmt haben und bis 1956 neun Millionen Stimmen gegen die Wiederbewaffnung sammelten.

Vielleicht sind hier auch einige, die 1958 mit einer Million Menschen auf der Straße waren, innerhalb der Kampagne „Kampf dem Atomtod“ gegen die geplante atomare Bewaffnung der Bundeswehr.

Hier werden sicher einige der 100.000en sein, die mit wissenschaftlichen Untersuchungen und Klagen gegen den Bau von Atomanlagen und gegen Atomtransporte vor Gericht gegangen sind.

Wahrscheinlich stehen hier einige, die 1975 zu 10.000enden die Bauplatzbesetzung in Wyhl mitgetragen haben und damit das Atomkraftwerk verhinderten.

Wahrscheinlich stehen hier einige, die 1986 die Bauplatzbesetzung in Wackersdorf und die militanten Proteste gegen die geplante WAA mit organisiert haben. Auch diese WAA wurde nicht gebaut.

Sehr wahrscheinlich sind hier einige, die sich seit vielen Jahren den Castortransporten nach Gorleben in den Weg stellen, schottern und blockieren.

Und – hier sind sicherlich nicht wenige, die nach Fukushima gegen die Atomindustrie zum ersten Mal auf die Straße gehen!

Wir begrüßen Euch alle – von unserer Fahrraddemo mit dem Motto: „Atomprofiteure stilllegen – weltweit!“

Überall ist es möglich, gegen die Verantwortlichen von Atompolitik und Atomindustrie etwas zu tun. Auch und gerade hier im Rhein-Main-Gebiet.
Wir wollten die globale Kette kennzeichnen: von der Ausbeutung über deren Finanzierung, von der Betreibung der AKW bis zu deren Abwicklung, vom Atommüll bis zu atomarer Munition. Wenn auch leider nur symbolisch, haben wir die Großkonzerne mit Absperrband und Warnschildern stillgelegt.
Wir waren bei der Urangesellschaft in Frankfurt. Diese ist seit den 1970er Jahren an der neokolonialen Ausbeutung der Menschen in den Uranminen von Namibia und Niger beteiligt. Zudem verstrahlen alle Uranminen die nähere und weitere Umgebung, sowie die dort lebende Bevölkerung.
Wir waren bei der Deutschen Bank, die mit ihren Aktien den Tod rechnen lässt. Die großen Banken profitieren von der Finanzierung der gesamten globalen atomaren Kette. Ein Bankensyndikat finanziert alliant tech system – einen der größten Atomwaffenhersteller der Welt. Die machen aus Atommüll – „depleted uranium“– das ist atomare Munition. Seit den 1990er Jahre werden damit u.a. in den (Nato-)Kriegen die Lebensgrundlagen der Menschen verstrahlt.
Wir waren bei der BNP Paribas – sie steht auf Platz 1 im atomaren Kreditgeschäft und finanziert das größte, geplante AKW im indischen Jaitapur mit. (Dazu später mehr.)
Wir waren beim Großkonzern SIEMENS. In Offenbach ist der energy sector. SIEMENS hat alle AKW´s in der BRD gebaut und weltweit noch mehr. (Zu SIEMENS wäre unendlich viel mehr zu sagen.)
Wir waren bei dem französischen (Staats-Konzern)AREVA. Die Planungen des weltweit größte Unternehmens im blutigen Atomgeschäft laufen in Offenbach. Der Konzern lieferte auch die MOX-Brennstäbe nach Fukushima.
Im indischen Jaitapur soll nun dieses Jahr mit dem Bau des weltweit größten AKW begonnen werden. Ebenfalls in einer, von Erdbeben geschüttelten Region. Die sechs Reaktoren dafür, wird AREVA liefern.
Dagegen stellt sich seit ein paar Jahren eine Protestbewegung. Der indischen Staat reagiert mit Verhaftungen und Demonstrationsverboten. Einen Monat nach der Kernschmelze im AKW Fukushima wurde in Jaitapur von den sog. „Sicherheitskräften“ in eine Anti-AKW-Demonstration geschossen. Acht Menschen wurden verletzt – der Fischer Tabrez Sayekar tödlich.
Solidarität mit den Anti-Atomkraftbewegungen weltweit!
Der große Energiekonzern RWE expandiert im Atomgeschäft in die Niederlande und mit eon gemeinsam nach Groß-Britannien.
Der weltweite Baukonzern Bilfinger Berger, für den Aufbau wie Abbau der AKW´s profitabel ist, sieht das Atomgeschäft international langfristig wachsen.
All das zeigt die Arroganz der Macht! Aber wir wollen kein AKW, weder hier noch anderswo!

Mitte Juni ruft das Bündnis „Block Brokdorf“ auf, das AKW Brokdorf zu blockieren. Im August wird es Ähnliches am AKW Neckarwestheim geben. Beteiligen wir uns!

Die Verantwortlichen der hiesigen Atompolitik und der globalen Atomindustrie dürfen nicht mehr in Ruhe gelassen werden – damit den Atomprofiteuren das Strahlen wirklich vergeht!
Gerade im Kampf gegen AKW´s gab es einige Erfolge – und Protest mit denen weder die Politik noch die Wirtschaft gerechnet hatten. Obwohl die vernichtenden Auswirkungen bekannt sind, wurden und werden Atomanlagen weltweit ausgebaut. Wir aber brauchen kein Nagasaki, Hiroshima, Harrisburg, Tschernobyl oder Fukushima um zu sagen:
Schluss damit – sofort und überall!
Es ist unglaublich, nach jahrzehntelangem Widerstand, uns immer noch dagegen organisieren zu müssen. Wir brauchen unsere Energie und unsere Kapazitäten noch für soviel anderes – um ein menschenwürdiges Leben weltweit zu erreichen. Schluss mit Folter und Krieg im Namen der Menschenrechte. Schluss mit der globalen Ausbeutung.

Machen wir uns auf die Suche nach einem Endlager für den
Kapitalismus!

Erläuterungen:

1) In der „Ohne-mich!“-Bewegung arbeiteten viele Widerstandskämpfer und -kämpferinnen mit, die sich schon dem Nazi-Faschismus entgegengestellt hatten.
Unter anderen sammelte Ettie Gingold unermüdlich Stimmen gegen die Wiederbewaffnung. Mit den Aufrufen, Volksbefragungen überall durchzuführen, (die staatlicherseits verboten wurden), stellte sich diese Bewegung, millionenfach
bestätigt, gegen die Staatsräson.
1956 wurde eine große Säule der Bewegung, die KPD, verboten.

2) Die Kampagne „Kampf dem Atomtod“ wurde von den Gewerkschaften und der SPD getragen. Die Auseinandersetzungen waren stark an den Auswirkungen der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki orientiert. Teile der Frankfurter Stadtregierung damals, 1958, waren nach Japan gefahren, um sich selbst ein Bild vom Ausmaß der Zerstörung und Verstrahlung zu machen.
Diese Kampagne stand Atomminister Franz-Josef Strauß (wurde im gleichen Jahr noch Verteidigungsminister) im Weg. Aber auch der geplanten großen Koalition zwischen SPD und CDU. Deswegen würgten SPD und Gewerkschaften diesen Protest ab.

3) Atomwissenschaftler und -wissenschaftlerinnen gab es viele. Gerade nach 1945
wurde der sogenannten „zivilen Nutzung“ der Atomkraft, von viele auch klugen Leuten zugestimmt. Was aus heutiger Sicht gar nicht mehr verständlich erscheint, hatte damals offensichtlich auch einen Bezug zur Versöhnung mit der Geschichte. Die Hoffnung auf einen Neuanfang und gegen die verheerende Massenvernichtung der Atombomben im August 1945, auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki.