Widerstand gegen Atomkraftwerke in Indien

Redebeitrag bei der internationalen Anti-Atom-Mahnwache im Frankfurter Flughafen am 28.April 2012
English Version


Am 28.Februar landete hier Rainer Hermann Sonntag. Er kam mit der Lufthansa von Chennai in Indien. Er kam nicht von einer Geschäftsreise. Er kam auch nicht freiwillig. Er wurde abgeschoben, von Indien nach Frankfurt. Ein seltenes Ereignis, meist wird ja von Frankfurt aus abgeschoben.

Herr Sonntag hatte seinen Job als Programmierer aufgegeben, um von seinen Ersparnissen zu leben. In Indien reichte sein Tages-Budget von 10 Dollar. Er lebte dort sozusagen als „Wirtschaftsflüchtling“. In der Nacht vor seiner Abschiebung war Herr Sonntag in seinem Low-Budget-Hotel in der Nähe von Kudankulam festgenommen und nach Chennai verbracht worden.

In Kudankulam an der Südspitze Indiens sollen zwei neue Atomkraftwerke in Betrieb gehen. Sie wurden von der russischen Rosatom gebaut. Reaktoren der gleichen Bauart stehen in Temelin in Tschechien.

Die Inbetriebnahme des Atomkraftwerks in Kudankulam wurde im letzten September unterbrochen. Schuld daran soll Herr Sonntag sein. In den indischen Medien gilt er als Drahtzieher und Financier des massiven Widerstands gegen die Atomanlage. Die lokale Bevölkerung sei vom Ausland gekauft. Statt zu arbeiten, würden die Menschen sich im lukrativeren Widerstand engagieren, Hungerstreiks abhalten und die Zufahrt zur Atomanlage blockieren. Das westliche Ausland schüre die Proteste, um Fortschritt und Entwicklung in Indien zu bremsen. Dem Bösen und Fremden wurde mit Herrn Sonntag ein Gesicht gegeben.

Die Betreiber behaupten, die Atomanlage in Kudankulam sei die sicherste der Welt – Erdbeben und Tsunamis könnten ihr nichts anhaben. Doch die Menschen dort wissen, was ein Tsunami ist. In Sichtweite der AKWs leben einige Tausend in Ersatzunterkünften – seit dem Tsunami 2004.

In der Atomanlage wurde Mitte März wieder die Arbeit aufgenommen. Seither herrscht in der Region um Kudankulam der Ausnahmezustand. Polizei und Paramilitärs drangsalieren die Bevölkerung. AktivistInnen werden mit lebenslangen Haftstrafen bedroht. Ihnen werden gewalttätiger Aufruhr gegen den Staat und Terrorismus vorgeworfen. Dabei agiert die Widerstandsbewegung bewusst gewaltfrei – ganz im Sinne Gandhis.

Kudankulam ist einer von sechs neuen AKW-Standorten in Indien. An allen sollen riesige Atomanlagen mit mehreren Reaktoren gebaut werden – wie in Fukushima. Die Produktion von Atomstrom soll bis 2020 vervierfacht werden.

In Jaitapur an der Westküste südlich von Mumbai will der französische Konzern Areva eine Atomanlage bauen – wieder die sicherste der Welt: EPRs wie in Olkiluoto (Finnland). Jaitapur ist ein Erdbebengebiet. Die Menschen dort wollen die Areva-AKWs nicht. Vor einem Jahr, am 18.April, erschoss die Polizei den Fischer Tabrez Soyekar bei einer Anti-AKW-Demonstration.

Areva pokert noch um den Vertragsabschluss. Nach internationalen Standards haftet bei Atomkatastrophen immer der Betreiber, nie der Hersteller – egal welchen Schrott er geliefert hat. Nach indischem Recht könnte ein Betreiber den Hersteller in Regress nehmen, mit maximal 300 Mio. Dollar. Das ist Areva zu riskant – beim sichersten AKW der Welt.

Für Jaitapur ist eine Hermes-Bürgschaft angefragt, angeblich zur Sicherung von Arbeitsplätzen. Die IG Metall fürchtet um 1.000 Jobs, falls es für den EPR in Olkiluoto kein Nachfolgeprojekt gibt. Jaitapur könnte dieses Nachfolgeprojekt werden.

Bei Areva Deutschland arbeiten über 5.000 Menschen für die Atomenergie, für Verwüstung, Verseuchung, Krankheit und Tod. Wir appellieren an die Beschäftigten bei Areva in Offenbach, Karlstein und anderswo: „Steigen Sie aus. Übernehmen Sie die Verantwortung für Ihr Tun!“ Ein Verbrechen bleibt ein Verbrechen, auch wenn’s der Chef anordnet.

Atomprofiteure stilllegen – in Frankfurt und weltweit!

Den Redebeitrag auf Youtube ansehen.


1 Antwort auf „Widerstand gegen Atomkraftwerke in Indien“


  1. 1 Deutscher Spion sabotiert russisches AKW in Südindien – Neuauflage der Sonntag-Rainer-Hermann-Geschichte | Anti-Atom Indien Pingback am 13. Juni 2014 um 16:18 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.